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Grosser Aletschgletscher

Der Märjelensee

13.09.2015

Ein Hauch von Sehnsucht hallt im Klang dieses Namens nach und weckt allerlei Fantasien. Schon nur deshalb, weil darin das Wort Märchen angedeutet ist. Wer vom Kühboden ob Fiesch zu dem kleinen Hochtal, in dem der See liegt, auf 2‘300 Meter über Meer hochsteigt, entdeckt dort eine Landschaft der, je nach Wetter, durchaus etwas romantisch, märchenhaftes eigen ist.

Wollgras am Märjelensee, im Hintergrund das Olmenhorn.

Die Bedeutung des Namens ist jedoch ungewiss. Sicher ist nur, dass der See nach der gleichnamigen Alp Märjela benannt ist. Sie liegt am östlichen Ende der Talmulde, da wo das Gelände jäh gegen Fisch abstürzt.

Märjelensee, kleine Sumpfebene mit Wollgras.

Vor Jahrtausenden durchbrach hier ein Seitenarm des Grossen Aletschgletschers die damalige Bergkette zwischen Strahl- und Eggishorn. Der mächtige Eisstrom schürfte Richtung Fiesch, unermüdlich ein Tal von fast 700 Meter Tiefe in dem harten Gneis. Heute ist das Strahlhorn das südliche Ende der Wannenhornkette. Diese nimmt ihren Anfang am Fulbärg, fast acht Kilometer Aletschgletscher aufwärts, oben am Konkordiaplatz. Am Eggishorn beginnt die neue Bergkette. Sie verläuft parallel zum Aletschgletscher, über das Bettmerhorn bis hinunter zur Riederfurka – Distanz um die sieben Kilometer. Zählt man die beiden Strecken zusammen und addiert noch den Abschnitt vom Konkordiaplatz bis zum Jungfraujoch, ergibt das eine Gesamtgletscherlänge von rund 23 Kilometern. Längere Eisströme gibt es in Europa nur noch ausserhalb der Alpen.

Nordfuss vom Eggishorn. Blick auf den Aletschgletscher. Die Gletscherberge ganz hinten: Aletschgletscher, links der Mönch, rechts der Trugberg.

Man stelle sich jetzt einmal vor welche Leistung es war, früher, als die Jungfrau und der Mönch oft vom Eggishorn her bestiegen wurde, diesen Gletscher am gleichen Tag hoch und runter zu marschieren, inklusive Besteigung des jeweiligen Gipfels!

Vor rund 130 Jahren lag hier noch der Aletschsee. An der Randmoräne des Olmenhorns sieht man deutlich, wie hoch damals der Gletscher war.

Noch um 1900 lag die Oberfläche des Aletschgletschers bei Märjelen rund hundert Meter höher als heute. Wie eine riesige Staumauer hielt er das Wasser zurück und es entstand ein beachtlicher See. Dieser Gletscherrandsee, früher hiess er Aletschsee, war europaweit für seine einmalige Schönheit berühmt. Der Anblick glich wohl denjenigen im heutigen Alaska, Grönland oder Patagonien, wo die grossen Eisströme ins Meer tauchen. Zum Transport der Waren für die Konkordiahütte standen Ruderboote zur Verfügung. Bei Wasserhochstand betrug die Länge des Sees 1‘600 Meter, die Breite 500 Meter mit einer maximalen Tiefe von über 70 Metern. Das ergibt ungefähr 10 Millionen m³ Wasser und entspricht in etwa der Grösse des Gelmerstausees an der Grimsel!

Doch Wasser ist ein unruhiges Element und Eis ist nicht armierter Beton. Immer wieder brach, bei Pegelhochstand, das entfesselte Wasser aus dem See hervor. Meistens flutete es gletscherabwärts Richtung Naters und richtete dort regelmässig erhebliche Schäden an. Solche brachialen Naturereignisse kamen in den Alpen immer wieder vor. Im Saasertal mussten Teile der Bevölkerung im 19. Jahrhundert mehrmals auswandern. Der Allalingletscher staute auch hier einen See, den Mattmarksee, welcher immer wieder ausbrach. Auch der Aletschsee entleerte sich regelmässig. Manchmal über Tage, manchmal innerhalb weniger Stunden. Schon die alten Sagen erzählten anschaulich vom „Rollibock“ der rasend aus dem Aletschgletscher herausbreche und wütend Erde, Steine und Bäume umwerfe.

Natürlich wurde nach Abhilfe gesucht. Mitte des 19. Jahrhunderts trieb man am östlichen Talende von Märjele Entwässerungsgräben in den felsigen Grund und entschärfte so die Gefahr für den Ort Fiesch. Um Naters zu schützen, wurde 1894, nach fünfjähriger Bauzeit, ein Entlastungsstollen, ebenfalls Richtung Fiesch, in Betrieb genommen. Das Ziel war, das Wasservolumen bei Pegelhochstand um 4 Millionen m³ zu verringern. Doch wie das Leben eben so ist, man weiss es von Grindelwald her, wurde der Entlastungsstollen nur einmal während knapp 2 Monaten gebraucht. Und es floss lediglich eine geringe Menge an Überwasser durch den Stollen. Seitdem hat der Grosse Aletschgletscher dramatisch an Eismasse verloren. Es bildet sich gelegentlich noch ein kleiner Gletscherrandsee, doch dieser entleert sich jeweils im selben Jahr.

Aletschgletscher, oben auf dem Konkordiaplatz drück das Sonnenlicht durch die Wolken. Auf dem Jungfraujoch wird es wohl ein prächtiger Herbsttag mit Nebelmeer sein.
Aletschgletscher, die beiden Mittelmoränen erinnern an geteerte Strassen.
Fehlt nur noch, dass eine Mammutherde auf dem linken Felsrücken im Vorgrund erscheint und die Zeitreise ist perfekt.

Bei der Gletscherstube - ein treffender Name für den Ort, wo früher der Gletscher im engen Tal lag, eben in einer Stube - fühlt sich der Blick von den felsenschweren Bergketten links und rechts bedrängt. So sucht er sich den freien Weg nach vorne dem Gletscher zu, welcher hier mit einer Geschwindigkeit von 180 Meter pro Jahr vorbeifliesst. Doch bereits nach eineinhalb Kilometern fängt der behäbige Bergkoloss Olmenhorn den Blick auf, an dessen Fuss früher ein Sommersiedelung lag.
So wendet man sich wieder der Talmulde zu. Diese senkt sich von der Gletscherstube in sanft abgestuften Geländeabschnitten gegen den Grossen Aletschgletscher. In den dazwischen liegenden Ebenen schmiegen sich viele kleine Seen in die nachglaziale Landschaft. Anmutig und lieblich liegen sie eingebettet zwischen grösseren und kleineren Moos- und Feuchtgrasflächen. Um sie herum wachsen Gletscherweiden, Säuerlinge, verschiedene Steinbrecharten, Fleischers Weidenröschen und viele andere Pionierpflanzen mehr. Die junge Grasnarbe dazwischen, kaum Hundert Jahre alt, wirkt noch sehr verletzlich. Überall schauen Steine heraus, die von der Vegetation erst zum Teil überwachsen sind. Diese benutze ich beim Gehen als Brücke, um den Boden nicht unnötig zu verletzen.

An vielen Orten ist das Ufer der Quellzuflüsse und Seelein mit Tausenden von Wollgrasblumen bedeckt. Schneeweiss leuchten die zottigen Köpfchen zwischen den vielen verschiedene Grau- und Grüntönen, wiegen sich im Wind, verleihen der Landschaft Frische und Leichtigkeit. Im kleinen Talbächlein vereinen sich die Quellwasser und wandern munter plaudernd von einem Wasserbecken zum nächsten.

Wegzeichen in Märjelen, der liegende Stein erinnerte an die Moai, die steinernen Felsfiguren auf der Osterinsel.
Wollgras im Wind.

Dreht man sich gegen Osten so fällt eine makellos ausgeflachte Böschung auf. Deutlich überhöht, im Vergleich zur Umgebung, zeigt sie ein künstliches Bauwerk an. Dahinter staut sich das Wasser für die Versorgung der Fiescheralp. Was für ein Fremdkörper in dem archaischen kleinen Tal. Schade. Dabei hätten schon ein paar Steinblöcke und Gletscherweiden, die eine oder andere Geländeunregelmässigkeit, die technische Kälte und reine Zweckmässigkeit aufgelockert. Viel teurer wäre diese „Renaturierung“ nicht gekommen. Doch es hätte sich so ein harmonischeres Zusammengehen zwischen den nüchternen Anforderungen der Technik und der Jahrtausende alten Landschaft ergeben.


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